VEM-Freiwillige   2017/2018   2016   2015   2014   2013   2012   2011   2010   2009 

Alena | Anne | Annika | Augustin | Freddy | Janina | Lars | Lena K | Lena S | Luise | Maike | Manuel | Maren | Mona | Nele | Sebastian | Viola | Wiebke | Yasha

Menu:

Archiv

Blog durchsuchen:

African Time, Pünktlichkeit und Enttäuschungen

Autor: Manuel | Datum: 25 Mai 2013, 14:17 | 33 Kommentare

Anfang September 2012; Rwanda, Butare; 15:00 Uhr: Ich sitze im Gemeinschaftsraum des Gästehauses, bereite schon mal Tee vor. Ich habe gestern mit einem Freund abgesprochen, dass wir uns heute um 3 Uhr treffen. Es wird 3:30. Keine SMS, kein Besucher. So geht es weiter, bis es 17:00 wird – er ist immer noch nicht da. Ich bin total enttäuscht, „Typisch African Time“, denke ich mir. Toller Anfang des Freiwilligenjahrs. Und er hat nicht mal ne SMS geschrieben…

Irgendwann vorher, Deutschland; 15:10 Uhr: Ich bin auf dem Rad, unterwegs zu einem Freund. Verdammt, schon 10 Minuten zu spät! Ich hab ihm kurz noch geschrieben, dass ich es nicht ganz pünktlich schaffen werde. Ich fahr schneller. Oh, den da rechts kenne ich, ein guter Freund! „Hey, bin grad im Stress, wir sprechen uns später!“ 5 Minuten danach bin ich da. Er ist genervt. Ich bin k.o. Mir ist es peinlich, ich ärger mich. Mal wieder zu spät gewesen…

Februar, 2013; Rwanda, Butare; 19:30 Uhr: Ich gehe zur Uni. Eigentlich wollte ich um 7 da sein, aber irgendwie hab ich das nicht ganz geschafft. Ich hab aber eine SMS geschrieben, dass ich es nicht pünktlich schaffe. Oh das Gesicht von dem da kenne ich, ein flüchtiger Bekannter. Schade, den Namen kenne ich nicht mehr… „Hey Manuel“ - „Hi, wie geht´s?“ – „Gut!“ … 3 Minuten später gehe ich gechillt weiter. 45 Minuten zu spät bin ich dann da, rufe den Freund an, mit dem ich verabredet bin. Er hat mir einen Platz freigehalten, also kein Problem. Champions League gucken. Ich setz mich neben ihn, und freue mich aufs Spiel. Keiner ist enttäuscht.

 

„Die Deutschen haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit!“

 

Wohl wahr. Oben habe ich drei Szenen geschildert, die ich durchgemacht habe. Ähnliche Situationen, aber ganz unterschiedliche emotionale Resultate.

Deutsche Pünktlichkeit schafft Verlässlichkeit. Es macht das Leben planbar, ich weiß, wenn ich morgens aufstehe, wo ich nachmittags um 16:39 Uhr bin. Ruandisches Zeitmanagement funktioniert anders, ich stehe morgens auf, und gehe das Ganze irgendwie spontaner an. Wir als Deutsche lästern immer drüber.

Im letzten Blogeintrag habe ich am Ende ein Video über „Single Storys“ gepostet, über einseitige Eindrücke. Heute möchte ich euch mal einen anderen Eindruck vermitteln:

Pünktlichkeit schafft Verlässlichkeit, aber wehe dem, der nicht pünktlich ist. Der ist sofort unzuverlässig. In Szene 1 und 2 gibt es Enttäuschung. Durch ein Ideal: Pünktlichkeit. Kennt ihr das nicht auch? Enttäuscht von anderen sein, weil sie zu spät sind? Ist euch diese Woche bestimmt schon mehrmals passiert, oder? Und ich kannte auch die Enttäuschung bei mir selbst, wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe, pünktlich zu sein. Wenn ich wen anders enttäuscht habe.

Pünktlichkeit schafft also Verlässlichkeit. Aber vor allem schafft sie auch negative Gefühle. Enttäuschungen.

Enttäuschung wegen Pünktlichkeit habe ich seit November nicht mehr gefühlt. Und ich wurde oft enttäuscht. Und ich war oft zu spät. Aber es hat mich emotional nicht mehr berührt, es war normal. Für mich steht der Wert „Pünktlichkeit“ nicht mehr so weit vorne. Wenn ich jemanden auf der Straße treffe, obwohl ich zu spät bin, dann nehme ich mir Zeit zum Hallo sagen. Egal ob das der Bischof, mein bester Freund, oder eben „nur“ ein flüchtiger Bekannter ist. Das hat Priorität. Wenn ich dann ankomme bin ich zufrieden. Ich habe auf dem Weg soziale Kontakte gepflegt. Mein Gegenüber ist nicht enttäuscht. Er war auch zu spät. Was sind denn auch schon 30Minuten, warum muss man deswegen so einen Stress machen in Deutschland? Viel zu hektisch.

Wenn Pünktlichkeit als Ideal weniger wichtig ist erreiche ich doch viel mehr! Ich habe Zeit für Dinge, die wichtiger sind. Ich muss nicht um lächerliche 15 Minuten kämpfen. Wie oft habt ihr diese Woche schon um UNTER 5 Minuten gekämpft, seid zur Bushaltestelle gerannt, seid in der 50er-Zone 70 gefahren – habt Leben riskiert - weil ihr zu spät wart? Wir oft habt ihr diese Woche Essen reingeschlungen, weil ihr keine Zeit für so etwas „unwichtiges“ hattet? Wie oft seid ihr diese Woche an Freunden vorbei und habt euch nicht Zeit genommen für mehr als ein nichtssagendes „Guten Tag“?

Ich weiß, dass diese Werteverschiebung nicht funktioniert in Deutschland. Ich weiß, dass ich mich ändern werden muss – was ich echt nicht will. Aber überdenkt euer Pünktlichkeitsideal einmal – und die Priorität dieses Ideals im Vergleich zu anderen Werten.

«Neuerer Eintrag | Älterer Eintrag»

 

 

Kommentare bei alten Blogs deaktiviert.